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Grundwissen Kirchengeschichte – Mittelalter, 2. Teil

C) DIE KIRCHE IM HOCHMITTELALTER

Welche Ereignisse prägen das kirchliche Hochmittelalter?

Die wichtigsten Ereignisse des kirchlichen Hochmittelalters sind der Investiturstreit, damit verbunden die Auseinandersetzungen zwischen Papsttum und Kaisertum, die Kreuzzüge, die Ausbreitung von Irrlehren, die Inquisition, die Entstehung neuer Orden.

Was bedeutet „Investiturstreit“?

Unter Investitur versteht man die Vergabe kirchlicher Ämter, Bistümer, Abteien usw. Da sich Könige, Fürsten und Adlige in die Vergabe solcher Ämter und Pfründe einmischten (Laieninvestitur), wurden diese bald auch für Geld verkauft (Simonie). Sogar die Papstwahl wollte z.B. Heinrich IV. (1056-1106) mitentscheiden. Letztlich ging es um den Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Auf der römischen Fastensynode 1075 verschärfte Papst Gregor VII. das Verbot der Laieninvestitur. Heinrich kümmerte sich nicht um den päpstlichen Erlaß, so daß der Papst ihn mit der Kirchenstrafe des Bannes belegte. Da die Fürsten ihm die Treue aufkündigten, wenn er sich vom Papst nicht die Lösung vom Bann erbitte, trat er im Winter 1076/77 den Gang nach Canossa an.

Wie kam es zu den Kreuzzügen?

1073 hatten die Türken das Heilige Land erobert, belästigten und töteten viele Pilger. Der oströmische Kaiser rief den Papst um Hilfe an und versprach im Gegenzug die Wiedervereinigung mit der Kirche in Rom. Das Heilige Land wurde zwar erobert, dafür überschwemmten die Türken zuletzt das oströmische Reich (Konstantinopel). Weil die Kreuzfahrer u.a. auch Plünderungszüge unternahmen und unschuldige Menschen töteten, bleiben sie ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte. Übrigens gab es Kreuzzüge nicht nur ins Heilige Land, sondern auch zur „Ketzerbekämpfung“, z.B. gegen die Albigenser. Zur Durchführung der Kreuzzüge entstanden in Palästina die sogenannten Ritterorden, z.B. Johanniter, Templer und Deutschherren. Letzterer existiert noch heute, z.B. in Südtirol und anderen deutschen Ländern.

Was bedeutet die Inquisition?

Inquisitio (lat.) bedeutet Nachforschen. Mit der Entstehung der Irrlehren, etwa der Albigenser und Waldenser, kam die Gesellschaft in Unruhe. Daher setzte der spanische König als erster ein Tribunal - ein Ketzergericht - ein, dem wegen ihrer Kenntnis der Religion naturgemäß Geistliche angehörten. Unter Papst Innozenz III. ist das Inquisitionsverfahren im innerkirchlichen Prozeßrecht ausgebildet worden. Nach einer Überführung wurde der Ketzer an den weltlichen Arm zur Bestrafung ausgeliefert. Die Bitte, das Leben des Verurteilten zu schonen, war dann häufig nur ein formaler Akt, dessen Umsetzung nicht mehr in der Vollmacht der Inquisitionsrichter stand.

Die Entstehung neuer Orden

Das kirchliche Hochmittelalter war neben den heute häufig gegeißelten Ereignissen der Kreuzzüge und Inquisition ein an kirchlichem Leben reiches Zeitalter. Wie immer in der Kirchengeschichte entstanden  aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Erfordernisse neue Orden, die ihre Wirksamkeit bis in unsere Zeit hinein entfalten. Gegen die Irrlehren entstand z.B. der Predigerorden der Dominikaner, da das Volk religiös ungebildet war und den Häresien selbsternannter Propheten folgte. Sie stellten ihre eigenen Ideale denen der katholischen Kirche gegenüber und gewannen damit Anhänger. Auf die Provokation durch die Katharer (die „Reinen“), die unter anderem materiellen Besitz und Reichtum mieden, entstand in der Kirche aufgrund des evangelischen Armutsideals des hl. Franz von Assisi der Bettelorden, wie auch die Dominikaner schon als Bettelorden auftraten. Weitere Orden waren die Zisterzienser, die große Verdienste um die Ausbreitung des Christentums in den ostelbischen Gebieten haben. Die Kartäuser erneuerten unter dem hl. Bruno das Einsiedlermönchtum. Die Prämonstratenser stellten unter dem hl. Norbert Predigt und Seelsorge in den Vordergrund. Die Karmeliten wurden im Heiligen Land als beschaulicher Orden gegründet. Sie leben streng aszetisch und verehren besonders die Gottesmutter. Neben den beschriebenen Fakten des kirchlichen Lebens entfaltete die Kirche im Hochmittelalter eine bis heute bewunderte Tätigkeit im kulturellen Bereich, in Wissenschaft und Bildung.

D) DIE KIRCHE IM SPÄTMITTELALTER

Welche Ereignisse prägen das kirchliche Leben im ausgehenden Mittelalter?

Einen nachhaltigen Einfluß auf die Entwicklung der Kirche haben das „Avignoner Exil“, die große abendländische Kirchenspaltung und das Auftreten der ersten „Reformatoren“.

Wie kam es zum Exil von Avignon?

König Philipp der Schöne von Frankreich besorgte sich für seinen Krieg mit England Geld aus den Kirchengütern. In der Bulle „Unam sanctam“ erklärte Papst Bonifaz VIII. (1294-1303): „In der Kirche sind zwei Schwerter, das geistliche und das weltliche. Beide sind in ihrer Gewalt. Jenes ist von der Kirche und dieses vom Staat im Sinne der Kirche zu gebrauchen. Die geistliche Gewalt hat das Recht, die weltliche zu unterrichten und notfalls zu richten.“ Unter dem Druck der französischen Krone wurden immer mehr Franzosen in das Kardinalskollegium aufgenommen und daher die nächsten Päpste Franzosen. Klemens V. (1305-1314) schlug 1309 seine Residenz in Avignon auf. Der Papst wurde jetzt als Werkzeug der französischen Politik angesehen und war es teilweise auch. Die hl. Birgitta von Schweden und die hl. Katharina von Siena beschworen den Papst, nach Rom zurückzukehren, was Gregor XI. 1377 auch tat. Daher nennt man diesen Zeitraum die „Babylonische Gefangenschaft“.

Was verstehen wir unter der großen abendländischen Kirchenspaltung?

Die Übersiedlung des Papstes zurück nach Rom geschah gegen den Willen der französischen Kardinäle. Die in rom anwesenden Kardinäle wählten nach dem Tode Gregor XI. Papst Urban VI., der nicht nach Avignon zurückkehren wollte. Daher wählten die französischen Kardinäle einen „Gegenpapst“, der sich Klemens VII. nannte und in Avignon seinen Wohnsitz nahm. Beide Päpste, der rechtmäßige in Rom und der unrechtmäßige in Avignon hatten Nachfolger. Dieser Zustand dauerte 40 Jahre und hat der Kirche schwer geschadet. Er führte zu der irrigen Ansicht, daß ein Allgemeines Konzil dem Papst übergeordnet sei. Daher setzte eine Synode zu Pisa beide Päpste ab und wählte einen neuen. Erst das Konzil von Konstanz (1414-1418) brachte eine Regelung. Der rechtmäßige Papst (90 Jahre alt) dankte ab, die Kardinäle erklärten die beiden unrechtmäßigen für abgesetzt und wählten Martin V. als rechtmäßigen Papst. Trotz dieser Kirchenspaltung haben „die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigt“.

Welches waren die Folgen des Exils von Avignon?

Am schlimmsten war, daß man sich der Leitung der Kirche gegenüber nicht mehr zum Gehorsam verpflichtet sah. Irrlehrer traten auf: in England Wiklif, in Böhmen Hus. Die Geistlichkeit verfiel der Verweltlichung. Der Ruf nach „Reform der Kirche an Haupt und Gliedern“ wurde laut. Das Staatskirchentum bereitete sich vor und die „Konziliare Idee“, daß das Konzil über dem Papst stehe, faßte Fuß.

Was verkündeten Wiklif und Hus?

Wiklif hielt die Heilige Schrift für die einzige Glaubensquelle. Er bestritt u.a. die Wesensverwandlung beim Abendmahl und verwarf die Ohrenbeichte als spätere Erfindung, nannte das Papsttum eine Einrichtung des Antichristen und bezeichnete Orden als kirchliche Sekten. Auf dem Konzil von Konstanz wurde - nach seinem Tod - seine Lehre verurteilt. Jan Hus in Böhmen vertrat fast dieselben Ansichten wie Wiklif in England. Er machte aber im Gegensatz zu diesem die Heilswirkung der Sakramente vom Gnadenstand des Spenders abhängig. Dies ist als Reaktion auf den verweltlichten Zustand des Klerus zu verstehen.

Was bedeutet der Humanismus und welche Folgen hatte er für die Kirche des Mittelalters?

Viele Gelehrte wandten sich der Erforschung des Geistes, der Sprache und Kunst der römischen und griechischen Antike zu. Dadurch fand der Geist der Antike Eingang in die Wissenschaft. Diese Forscher nannten sich nun Humanisten. Der Geist des Humanismus stand aber oft im Gegensatz zum Christentum. Die Einheit von Glaube und Wissen wurde geleugnet. Im politischen Leben wurde der Erfolg statt der Moral zum Maßstab. Die Kritik der Humanisten machte vor Kirche und Papsttum nicht Halt. Viele lebten nach heidnischen Vorbildern. Leider war der Einfluss des Humanismus auf das Papsttum und seine Hofhaltung nicht gut.