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Grundwissen Kirchengeschichte – Mittelalter, 1. Teil

A) BONIFATIUS, DER APOSTEL DER DEUTSCHE

Wie stand es um das Christentum in Deutschland vor Bonifatius?

Auf der linken Rheinseite hatte das Christentum schon früher Anhänger. Schon um 180 spricht der heilige Irenäus von Kirchen in „Germanien“. Trier und Köln waren sehr früh christliche Zentren. Durch Wundermönche wurde das Christentum vorübergehend zunächst in einzelnen Gegenden Germaniens gepredigt. Viele kamen aus Irland herüber, so der heilige Columban und der heilige Gallus.

Worin besteht die Bedeutung des heiligen Bonifatius?

Der heilige Bonifatius hat den Glauben als Missionar in neue Gegenden Germaniens getragen; er hat die Kirche dort, wo sie bereits bestand, als Reformator von Missbräuchen gereinigt; er hat als Organisator neue Diözesaneinteilungen geschaffen und die deutsche Kirche eng mit Rom verbunden. Er wird mit Recht der Apostel der Deutschen genannt.

Was wissen wir über das Leben und Wirken des heiligen Bonifatius?

Bonifatius wurde um 675 in England geboren. Von den Eltern zum Mönchsleben bestimmt, kam er bereits mit sieben Jahren ins Kloster. Mit dreißig Jahren wurde er zum Priester geweiht. Im Jahre 716 kam er zum erstenmal als Missionar zu den Ostfriesen. Weil aber der heidnische Friesenfürst Radbod mit dem christlichen König der Franken im Krieg lag, konnte er nichts ausrichten. Er kehrte ins Kloster zurück. Im Jahre 718 ging er nach Rom, um sich vom Heiligen Vater den Auftrag geben zu lassen. Papst Gregor II. gab ihm die Vollmacht für die Heidenmission. Bonifatius wirkte zunächst bei den Ostfranken in Thüringen; dann ging er wieder zu den Friesen. Hier arbeitete er drei Jahre lang erfolgreich mit dem heiligen Willibrord zusammen. Dann reiste er nach Hessen, wo er das Kloster Amöneburg gründete. Im Jahre 722 wanderte Bonifatius zum zweiten Male nach Rom; der Papst ernannte ihn jetzt zum Bischof ohne bestimmten Sitz. Mit vielen Reliquien und Empfehlungsschreiben trat er die Heimreise an. Ein Empfehlungsschreiben war an Karl Martell gerichtet, der ihn deshalb unter seinen Schutz nahm, was ihm viel bei der Reformierung des fränkischen Klerus half. Bonifatius wirkte wieder in Hessen, dann in Thüringen. In Hessen fällte er die dem Donar oder Thor geweihte Eiche; aus dem Holz baute er eine Kapelle zu Ehren des heiligen Petrus. Er brauchte Gehilfen und erbat sich Missionare und Schwestern aus seiner Heimat Es kamen als Mönche Lullus und die Brüder Willibald und Wunibald, als Ordensfrauen Lioba (Äbtissin von Tauberbischofsheim), Walburgis (Äbtissin von Heidenheim) und Thekla (Äbtissin von Kitzingen). Im Jahre 732 wurde Bonifatius Erzbischof mit der Vollmacht, nach Belieben Bischöfe zu weihen. Er wirkte dann in Bayern, einer Einladung des dortigen Herzogs Odilo folgend, und richtete hier vier Bistümer ein: Salzburg, Regensburg, Passau und Freising. Im Jahre 738 reiste er zum dritten Male nach Rom und wurde jetzt päpstlicher Legat für Deutschland. In Thüringen und Hessen errichtete er die Bistümer Buraberg bei Fritzlar, Erfurt, Würzburg und Eichstätt; die beiden ersten hatten aber keinen Bestand. Im Jahre 744 wurde das Kloster Fulda gegründet, wohin Bonifatius sich jährlich zurückzog und wo er auch begraben sein wollte. Im Jahre 742 hielt er das erste deutsche Konzil ab. Bonifatius wurde in den folgenden Jahren Erzbischof von Mainz. 753 machte er seinen Schüler Lullus zu seinem Nachfolger in Mainz. Er ging noch einmal auf Mission zu den Nordfriesen. Hier fiel er mit zweiundfünfzig Gefährten unter den Schwertstreichen der Heiden als Martyrer. Er wurde in der Klosterkirche zu Fulda begraben; an seinem Grabe versammeln sich alljährlich die deutschen Bischöfe.

B) DIE KIRCHE IM FRÜHMITTELALTER

Wie ist der Kirchenstaat entstanden?

Die erste Grundlage des Kirchenstaates bildeten private Schenkungen an den Statthalter Christi. Ferner führte die Entwicklung der Geschichte Italiens zur Bildung des Kirchenstaates. Im Jahre 586 waren die Langobarden in Italien eingefallen; sie eroberten den Norden des Landes. Rom, die Seeküste von Ravenna und Teilgebiete im Süden blieben unter  der  Gewalt  von  Konstantinopel.  Der Kaiser von Konstantinopel hatte als Vertreter in Ravenna einen Exarchen und in Rom einen Herzog (Dux). Den Bischöfen stand aber auch in diesen Gebieten das Recht zu, die Beamten zu ernennen und zu beaufsichtigen. Tatsächlich war der Papst auch jetzt schon oberster Gebieter in weltlichen Dingen. Dazu kam, dass das Volk die Vertreter des Kaisers ablehnte, weil sie nur Steuern eintrieben und keinen Schutz boten. Im Jahre 726 protestierte Papst Gregor II. gegen das Edikt des Kaisers von Konstantinopel, mit dem die Verehrung von Bildern verboten wurde. In dieser Zeit zogen die Langobarden von Ravenna nach Rom. Papst Stephan II. schloss einen zehnjährigen Waffenstillstand mit ihnen. Diesen Vertrag hielten sie aber nicht. Im Jahre 753 zogen wie wiederum gegen Rom und drohten, alle Römer niederzumachen. Der griechische Kaiser, erzürnt über den Protest des Papstes gegen das erwähnte kaiserliche Edikt, verweigerte jede Hilfe für Rom. Da entschloss sich der Papst, im Winter über die Alpen in das Frankenreich zu reisen. Pippin empfing ihn freundlich. Der Papst selbst salbte ihn und seine Söhne zu Königen und ernannte ihn zum Schutzherrn über  die Kirche. Pippin kam nach Italien, befreite Rom und Ravenna von der Gewalt der Langobarden und schenkte die eroberten Gebiete dem Papst. So entstand der Kirchenstaat.

Wie kam es zum deutschen Kaisertum?

Karl der Große kam im Jahre 773 dem Papst gegen erneute Angriffe der Langobarden zu Hilfe. Er bestätigte und erweiterte den Kirchenstaat. Im Jahre 799 verschwor sich eine Adelspartei, der vor allem die Verwandten seines Vorgängers angehörten, gegen Papst Leo III. und griff ihn bei der Markusprozession tätlich an. Der Papst entfloh und kam zu Karl dem Großen. Gegen Ende des nächsten Jahres kam Karl selbst nach Rom. Als er am Weihnachtstag in der Peterskirche der heiligen Messe beiwohnte, setzte ihm der Papst eine goldene Krone auf. Die Wiedererweckung des abendländischen Kaisertums hatte sich also ganz aus der Weltlage entwickelt. Nach den Vorstellungen des Mittelalters bildeten Papst und Kaiser eine Einheit; der Papst ist in geistlichen Dingen das Haupt der Christenheit, wie der Kaiser ihr weltliches Haupt ist. Weil der Papst als Haupt des Kirchenstaates aber auch ein weltlicher Fürst war, ergaben sich im Laufe der Zeit zwischen Kaiser und Papst Streitigkeiten.

Worin besteht die Bedeutung Karls des Großen für die Kirche in Deutschland?

Karl der Große hat nicht wenig dazu beigetragen, dass die Kirche in Deutschland gefestigt und organisiert wurde. Es ist zu bedauern, dass er bestrebt war, das Christentum bei den heidnischen Sachsen mit Gewalt einzuführen. Er hatte sich durch ihre Raubzüge in das Fränkische Reich veranlasst gesehen, sie in langwierigen Kriegen zu unterwerfen.

Wie wurde das Christentum im eroberten Sachsen gefestigt?

Folgende Bistümer wurden in Sachsen errichtet: Münster und Osnabrück, Halberstadt und Hildesheim, Minden, Paderborn, Bremen und Verden. Auch das Kloster Corvey (Weser) wurde in dieser Zeit gegründet.

Wie hat Karl der Große auf das kulturelle und kirchliche Leben eingewirkt

Karl der Große übte fast unumschränkte Gewalt auch über die Besetzung der Bistümer aus, freilich nicht zum Schaden der Kirche. Die Bischöfe mussten in ihren Diözesen bleiben und häufig visitieren und predigen. Für jeden Bezirk wurden zwei Sendboten ernannt, ein Laie und ein Geistlicher; diesen musste auch der Bischof Rechenschaft ablegen. Von jedem Priester verlangte Karl der Große, dass er die Glaubenswahrheiten und das Evangelium erklären und die Predigten der Kirchenväter dem Volk in der Muttersprache vortragen konnte. Er ließ den römischen Kirchengesang und ein einheitliches römisches Messbuch einführen. Seine besondere Sorge galt den Kirchenbauten (Aachener Münster). Die Wissenschaft förderte er sehr, errichtete eine Hofschule und eine Akademie und ließ Gelehrte und Künstler aus fremden Ländern ins Frankenreich kommen. Er gab Anweisung, dass die Priester auf den Dörfern dem Volke Unterricht erteilen sollten. Auch ließ er aus dem Ausland Handschriften kommen, um sie in den Klöstern abschreiben und teilweise auch übersetzen zu lassen. Karl der Große ist im Jahre 1165 von dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel unter Zustimmung des Gegenpapstes Paschalis III. heiliggesprochen worden. In das eigentliche Heiligenverzeichnis wurde er nicht aufgenommen.

Welche Missstände bestanden im 10. Jahrhundert bei Klerus und Volk?

Die Bischöfe waren unter Karl dem Großen Reichsbeamte geworden; Otto I. hatte sie, und überhaupt den höheren Klerus, in den Reichsgrafenstand erhoben; sie erhielten großen Grundbesitz und auch größere Rechte (Steuerfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit, das Recht auf den Zehnten), mussten aber auch Heeresfolge leisten. Der Kaiser gewährte diese Vergünstigungen aus staatspolitischen Gründen, nämlich in der Erwartung, dass die Kirche die kaiserliche Zentralgewalt stützen würde. Die Fürsten hatten auf die Besetzung der Bischofssitze großen Einfluss. Eigenmächtig verliehen sie Bistümer an Verwandte und Günstlinge, ohne auf deren Tauglichkeit zu sehen. Sie führten die Bischöfe in ihr Amt ein, indem sie ihnen selbst Ring und Stab, die Abzeichen ihrer geistlichen Würde, übertrugen. Man nannte diese Übertragung der geistlichen Gewalt durch weltliche Fürsten „Investitur“. Es kam nicht selten vor, dass man hohe Geldsummen bot, um zu einer geistlichen Würde und dem ihr entsprechenden Amt zu kommen („Simonie“, Apg 8, 9-24). Auch die germanischen Eigenkirchen, die von den Grundherren erbaut und von diesen daraufhin auch mit Geistlichen versehen wurden, brachten ähnliche Missstände mit sich. – Außerdem wurde der Zölibat von den Bischöfen und Priestern vielfach missachtet (Konkubinat der Geistlichen).

Welche große Reformbewegung entstand zum Beginn des 10. Jahrhunderts?

Mittelpunkt der Reformbewegung wurde das Kloster Cluny (gegründet 910), dem sich ungefähr 2000 Klöster in allen Ländern anschlossen. Das Kloster Hirsau im Schwarzwald hatte eine ähnliche Bedeutung für die Reform in Deutschland. In diesen Klöstern herrschte strenge Zucht; sie waren dem Papst treu ergeben.

Wie kam es zum Investiturstreit?

Gregor VII. (1073 – 1085) war selbst durch die Schule von Cluny gegangen. Unter fünf Päpsten hatte er an der kirchlichen Reform mitgearbeitet. Zum Papst gewählt, setzte er sich ganz für die Erneuerung der Sitten beim Klerus und für die Freiheit der Kirche ein. Auf der ersten Fastensynode in Rom (1074) schritt er energisch gegen Simonie und Konkubinat ein. Er bestimmte: „Wer sein Amt durch Simonie erhalten hat, soll abgesetzt sein; wer im Konkubinat lebt, darf keine kirchlichen Funktionen mehr ausüben.“ Er wollte dadurch nicht den Fürsten jede Mitwirkung bei der Ernennung der Bischöfe und Äbte nehmen, sondern die Missbräuche beseitigen. Dieses Dekret richtete sich vor allem gegen Heinrich IV. (1055 – 1106) und führte zu schweren Kämpfen zwischen Kaiser und Papst. Als Gregor von ihm die Entfernung einiger Räte, die sich simonistisch betätigt hatten, forderte und ihn selbst zur Buße mahnte, ja sogar mit dem Bann bedrohte, zwang Heinrich auf einer Synode zu Worms sechsundzwanzig versammelte Bischöfe, Gregor für abgesetzt zu erklären. Auf der Fastensynode 1076 erschien ein Abgesandter des Kaisers, verlas einen anmaßenden Brief Heinrichs und lud die anwesenden Bischöfe zur Wahl eines neuen Papstes ein. Der Papst sprach daraufhin den Bann über Heinrich aus und suspendierte ihn von der Königsgewalt in Deutschland und Italien. Daraufhin waren die deutschen Fürsten auf dem Reichstag zu Tribur entschlossen, Heinrich abzusetzen. Heinrich musste versprechen, bis zum Reichstag von Augsburg als Privatmann zu leben und sich auf dem Reichstag einem Fürstengericht unter Beteiligung des Papstes zu unterwerfen. Der Kaiser wollte jedoch diesem Reichstag zuvorkommen. Er machte sich darum im Winter auf den Weg über die Alpen und erschien mit Frau und Kind in Italien. Der Papst, der auf der Reise zum Reichstag in Augsburg war, zog sich, Gewalt fürchtend, auf das feste Schloss Canossa zurück. Heinrich verharrte drei Tage im Bußkleid vor dem Burgtor und bat um Lösung vom Bann. Am vierten Tag erfüllte der Papst seine Bitte. Dass es Heinrich mit seiner Buße nicht Ernst war, zeigte sich bald, da er weiter die Laieninvestitur betrieb. Er wurde ein zweitesmal gebannt. Diesmal antwortete Heinrich, indem er einen Gegenpapst aufstellte; er zog gegen Rom und eroberte die Stadt. Gregor musste fliehen und starb in Salerno mit den Worten: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst; darum sterbe ich in der Verbannung.“