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Grundwissen Kirchengeschichte – Kirchliche Neuzeit, 3. Teil

Welches sind die wichtigsten Ereignisse der kirchlichen Neuzeit?

Die Ereignisse der kirchlichen Neuzeit sind eng gebunden mit den allgemeingeschichtlichen Vorgängen: Französische Revolution, Säkularisierung, Restauration der deutschen Kirche im 19. Jahrhundert, Ende des Kirchenstaates, Erstes Vatikanisches Konzil.

Ursache und Folgen der Französischen Revolution

Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß an der Entstehung und Durchführung der Französischen Revolution maßgebliche Kreise der Kirche beteiligt waren. Letztlich ging es wie bei nahezu allen weltlichen Streitigkeiten um materielle Güter.

„Um die Finanznot des Staates zu decken, griff die französische Nationalversammlung auf den Vorschlag des Bischofs Talleyrand (1754-1838) zurück, das gesamte Kirchengut zu enteignen und zur Bezahlung der öffentlichen Schulden heranzuziehen.“ (A. Franzen, Kleine Kirchengeschichte) 1790 wurden alle nichtkaritativen Orden und Klöster aufgehoben, im gleichen Jahr wurde die französische Kirche von Rom getrennt und dem  französischen Staat eingegliedert, von den Geistlichen wurde ein Eid auf diese Konstitution verlangt. Da zwei Drittel des Klerus den Eid verweigerten, kam es zu blutigen Verfolgungen, in deren Verlauf etwa 40.000 Priester eingekerkert, deportiert oder hingerichtet wurden. Im November 1793 wurde das Christentum in Frankreich abgeschafft und der „Kult der Vernunft“ eingeführt. Erst Napoleon Bonaparte stürzte durch einen Staatsstreich das Direktorium in Paris, und damit endete die Anfeindung gegen das Christentum.

Was geschah unter Napoleon?

Napoleon betrachtete Religion nur als politischen Faktor und schloß mit dem Papst 1801 ein Konkordat, um die Ordnung in Frankreich wiederherzustellen. Doch im geheimen fügte Napoleon dem Konkordat 77 „Organische Artikel“ bei, die das im Konkordat Ausgehandelte z.T. wieder rückgängig machten. 1808 ließ Napoleon Rom und den Kirchenstaat besetzen. Der Papst wurde bei Paris gefangengesetzt, als er mit dem Bann antwortete. Napoleon versuchte vom Papst den Verzicht auf den Kirchenstaat zu erpressen. Als Napoleons Macht durch die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 endgültig zusammengebrochen war, wurde auf dem Wiener Kongreß 1814/15 die Neuordnung Europas vorgenommen.

Wie kam es zur Säkularisierung in Deutschland?

Im Reichsdeputationshauptschluß von Regensburg 1803 wurde die Enteignung und Säkularisierung von 22 (Erz-)Bistümern, 80 reichsunmittelbaren Abteien und über 200 Klöstern angeordnet. Das damit verbundene Vermögen eigneten sich Fürsten und Adlige an, die im weiteren Verlauf der Geschichte manches Kloster o.a. an kirchliche Einrichtungen (Orden oder Kongregationen) übergaben. Das war kein Ausdruck der Selbstlosigkeit, sondern den weltlichen Besitzern wurden die Unterhaltung und Instandhaltung mancher Klöster oder kirchlicher Gebäude zu teuer. Im Gefolge dieser Ereignisse entwickelte sich in Deutschland die „Volkskirche“, d.h., Bischöfe, Priester und Gläubige fühlten sich enger verbunden.

Wozu führte die Restauration der deutschen Kirche im 19. Jh.?

Die Enteignung der Kirchengüter wurde von der deutschen Kirche immer als Kirchenraub angesehen. Durch Konkordate und Vereinbarungen suchte sie in Verhandlungen mit den einzelnen Staaten eine Reorganisation der einzelnen Bistümer herzustellen. Konkordate kamen zustande mit Spanien, Neapel (damals Königreich), Sardinien, Frankreich, Rußland und Bayern. Mit einfacheren Verträgen (Zirkumskriptionsbullen) begnügten sich Österreich und die übrigen deutschen Staaten. Wichtiger war das Erwachen der Religiosität allgemein etwa im Zuge der Romantik. Hier sind heute noch wichtige Namen zu nennen wie Johann Michael Sailer (1751-1832) in Regensburg oder der hl. Klemens Maria Hofbauer (1751-1820) in Wien. Der sel. Adolf Kolping (+1865) wurde zum Typ des neuen Volksseelsorgers. Im „Kölner Ereignis“ wurde 1837 der Erzbischof Clemens August von Droste-Vischering von der preußischen Regierung verhaftet, weil er in der Mischehenfrage nicht von seinem kirchlichen Standpunkt abrücken wollte. Dies bestärkte das katholische Gemeinschaftsbewußtsein. Ab 1848, dem Revolutionsjahr,  gab es den jährlich wiederkehrenden Katholikentag. 1852 schlossen sich erstmals katholische Abgeordnete im Preußischen Landtag zu einer „Katholischen Fraktion“ zusammen, die sich seit 1858 „Zentrumspartei“ nannte. Da es noch keine Sozialgesetzgebung gab, entstanden überall in Deutschland Caritaskreise und Wohltätigkeitsvereine.

Was wurde aus dem Papst und dem Kirchenstaat?

Pius VI. starb als Gefangener der französischen Revolutionsregierung 1799 in Valence an der Rhone. Auf dem Wiener Kongreß konnte 1815 ohne große Schwierigkeiten der von Napoleon geraubte Kirchenstaat wiederhergestellt werden, der sich aber als große Belastung für das Papsttum herausstellte. In Italien drängten außerkirchliche Kräfte nach nationaler Einheit. Seit 1849 war der Kirchenstaat unter dem Einfluß der Carbonari und Freimaurer so verhaßt, daß er sich nur noch mit französischer Hilfe halten konnte. Pius IX. (1846-78) wurde anfangs begrüßt, weil er als liberal und national galt. 1848 wurde der erste päpstliche Ministerpräsident, Graf Pellegrino Rossi, ermordet. Der Papst mußte nach Gaëta fliehen, und in Rom brach die Revolution aus. Mit französischer Hilfe konnte der Papst Rom und den Kirchenstaat zurückerobern, doch nach für den Papst verlorenen Schlachten 1859 und 1860 ließ sich Viktor Emanuel 1861 in Florenz zum König von Italien proklamieren. Rom war nur durch eine französische Besatzung geschützt. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurden die französischen Truppen aber gebraucht, so daß Rom schutzlos war. 1870 war das Ende des Kirchenstaates nach über tausendjährigem Bestand. Viktor Emanuel erklärte Rom zu seinem Regierungssitz. Er bot dem Papst eine Jahresrente als Ersatz, doch der Papst blieb als „Gefangener des Vatikans“ in seiner ablehnenden Haltung. Erst Pius XI. machte den unerfreulichen Zuständen ein Ende, indem er 1929 mit Mussolini den „Lateranvertrag“ schloß.

Welche Bedeutung hatte das Erste Vatikanische Konzil?

Im Vorfeld des Konzils hatte Papst Pius IX. den „Syllabus“ veröffentlicht, eine Zusammenstellung von 80 Zeitirrtümern, die vom katholischen Standpunkt aus zu verwerfen seien. Weil im Syllabus der Liberalismus besonders scharf kritisiert wurde, beschuldigten Katholiken, aber noch mehr Protestanten den Papst und die katholische Kirche der Rückständigkeit und Kulturfeindschaft. Ausgerechnet aus Frankreich kam die Forderung, dem Papst eine mit unfehlbarer Autorität ausgestattete Vollmacht zuzuerkennen, die dann im Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes realisiert wurde, allerdings anders, als manche Befürworter forderten: statt die Unfehlbarkeit auf alle Bereiche des amtlichen und persönlichen Sprechens und Handelns des Papstes auszudehnen, wie manche forderten, definierte das Konzil unter Vorsitz des Papstes, daß er dann unfehlbar sei, wenn er als Amtsperson (=ex cathedra) für die ganze Kirche eine endgültige Entscheidung über eine Sache des Glaubens oder der Sitte treffe. Diese sei dann in sich (=ex sese) unfehlbar und unabänderlich, ohne daß sie dazu erst noch der Zustimmung der Kirche bedürfe.

Welche Folgen hatten das Konzil und das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes?

Heftiger Widerstand gegen die Verkündung des Dogmas kam aus Deutschland. Zahlreiche Professoren der unterschiedlichen Fakultäten wie Bonn, München u.a. verweigerten den von den Bischöfen geforderten Gehorsam und wurden exkommuniziert. 1871 hielten sie den ersten „Altkatholiken-kongreß“ in München ab. Ignaz von Döllinger, der sich gegen das Dogma aussprach, warnte davor, eine Kirchenspaltung herbeizuführen. Es kam aber doch zur Gründung der „Altkatholischen Kirche“, der Döllinger selbst nie beigetreten ist, ihr aber verbunden blieb. Obwohl man bestrebt war, das katholische Glaubensgut beizubehalten, lockerte sich nach der Spaltung die Kirchendisziplin merklich. Die Kirchenspaltung wurde dadurch endgültig, daß sich der Breslauer Theologieprofessor Reinkens von dem Jansenistenbischof Heykamp in Deventer (Holland) zum Bischof konsekrieren ließ. In neuester Zeit hat die altkatholische Kirche sogar die Frauenordination vorgenommen, so daß Einigungsgespräche jetzt umso schwieriger sind. Die Hoffnungen der Altkatholiken, große Teile der katholischen Kirche auf ihre Seite ziehen zu können, erfüllten sich nicht. Ihre Zahl blieb klein und schrumpfte nach einigen Anfangserfolgen im Laufe der Zeit wieder ein.  Da die Altkatholiken die Regierungen in der kirchlichen Auseinandersetzung vielfach um Hilfe riefen, mischten sich diese ein, so daß auf diesem Hintergrund der spätere Kulturkampf unter Bismarck möglich wurde.