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Grundwissen Kirchengeschichte – Kirchliche Neuzeit, 2. Teil

Welche Versuche zur Wiederherstellung der Einheit der Kirche gab es?

Die protestantischen Fürsten hatten sich 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen. Die Konzilsfrage wurde immer weiter hinausgeschoben. Daher einigte man sich im „Frankfurter Anstand“ 1539 erneut, durch Religionsgespräche zwischen Theologen und Laien den Zwiespalt in Deutschland zu beenden. Unter den führenden Persönlichkeiten waren Johannes Eck (kath.) und Melanchthon (prot.). Kard. Contarini, päpstlicher Legat aus Rom, wäre bereit gewesen, den Protestanten Priesterehe und Laienkelch zuzugestehen. Aber an der Lehre von den Sakramenten und von der Kirche zerbrachen die Einigungsbemühungen. Luther und auch Calvin torpedierten die Verhandlungen.

Seit 1543 war Kaiser Karl V. klar, daß er die Einigung mit Waffengewalt erzwingen mußte, wenn sie mit Gesprächen nicht erreicht werden konnte. 1547 konnte der Kaiser die Schmalkaldener bei Mühlberg an der Elbe vernichtend schlagen. Luther war 1546 gestorben, und die Häupter der Protestanten gerieten in kaiserliche Gefangenschaft.

Was bedeutet der „Augsburger Religionsfrieden“?

Auf dem „Augsburger Interim“ von 1548 gestattete der Kaiser den Protestanten bis zu einer endgültigen Regelung durch das Konzil die Priesterehe und den Laienkelch, die Lehre aber blieb streng katholisch. Da beide Seiten mit dieser Regelung unzufrieden waren, überließ der Kaiser die deutsche Religionsfrage seinem Bruder Ferdinand. Dieser führte auf dem noch von seinem Bruder Karl V. einberufenen Reichstag zu Augsburg die Verhandlungen, die mit dem Augsburger Religionsfrieden vom 25.9.1555 endeten: Künftig sollten Katholiken und Lutheraner in Deutschland gleichberechtigt nebeneinander stehen. Zwinglianer, Kalvinisten etc. erhielten die Gleichberechtigung erst durch den Westfälischen Frieden 1648. Die Landesherren durften die Konfession ihres Territoriums frei bestimmen, die Untertanen erhielten aber kein Religions-Bestimmungsrecht. Aus dieser Spaltung ergaben sich schwere Differenzen, aus denen der furchtbare Dreißigjährige Krieg hervorging (1618-1648).

Was lehrte Ulrich Zwingli (1484-1531)?

Neben den drei Sola-Prinzipien (s. Nr. 4/2004 S. 4, 2. Absatz) Luthers lehrte er ein neues Kirchenbild und den Kampf gegen die alte Kirche. Er war geweihter Priester wie Luther, führte aber schon als Pfarrer ein lockeres Leben mit Frauen, bis er 1524 öffentlich eine wohlhabende Witwe heiratete. Er wollte wie Luther nur gelten lassen, was in der Hl. Schrift steht. Zwingli gewann Einfluß auf den Züricher Rat, der auf sein Drängen hin die Messe obrigkeitlich abschaffte. Die Urkantone Schwyz, Uri, Unterwalden, Zug und Luzern schlossen sich zur Verteidigung des alten Glaubens zusammen. Die „Schweizer Tagsatzung“ veranstaltete 1526 ein Religionsgespräch zu Baden in Aargau. Mit überragender Mehrheit stellte sich die „Schweizer Tagsatzung“ auf die katholische Seite. Aber Zürich lehnte den Urteilsspruch unter Zwinglis radikalem Einfluß ab. Im Marburger Religionsgespräch 1529 zwischen Luther und Zwingli kam es zu keiner Einigung, weil Luther im Gegensatz zu Zwingli an der Gegenwart Jesu im Sakrament festhielt, die er allerdings nur aus der Allgegenwart Gottes erklärte.

Welche Ziele verfolgten die Wiedertäufer?

Nachdem Luther, Zwingli u.a. sich auf die Hl. Schrift beriefen, glaubten viele, die Schrift nach ihrem Verständnis auslegen zu können. Luther, Calvin und Zwingli wandten sich erbittert gegen die Sektierer, die sich für ihre Auslegung auf die „innere Stimme“ und den „Geist“ beriefen. Thomas Münzer vertrat die Idee eines bevorstehenden tausendjährigen Reiches, in dem nur die „Getauften“ herrschen würden. In Münster wirkte seit 1531 der Kaplan Bernhard Rothmann im Sinne dieser Reform und predigte seit 1533 die Notwendigkeit einer 2. Taufe, der Erwachsenentaufe. 1534 rissen die Täufer in Münster die Macht an sich. Alle „Gottlosen“ die sich nicht taufen ließen, wurden vertrieben oder getötet. Der Bischof belagerte die Stadt und eroberte sie schließlich 1535. Nach blutigen Straßenkämpfen endete das „Reich Christi zu Münster“. Rothmann fiel, und die Anführer der Täufer, unter ihnen der Bürgermeister Knipperdolling, wurden auf dem Domplatz öffentlich zu Tode gefoltert, ihre Leichname in Käfigen auf dem Lamberti-Turm ausgehängt.

Wer war Johann Calvin (1509-1564) und was lehrte er?

Sein Vater war Geschäftsführer und Vermögensverwalter des Domkapitels von Noyon (Nordfrankreich). Als Zwölfjähriger erhielt er eine kirchliche „Pfründe“ in Noyon, die ihm das Studium und den Weg zum geistlichen Stand ermöglichte. Nach einer „plötzlichen Bekehrung“ verzichtete er auf seine Pfründe, verfaßte 1535 die „Institutio religionis Christianae“ (eine Art Abriß des christlichen Glaubens) und wandte sich der Reformation zu. Calvins Gottesdienstordnung besteht aus Predigt mit Psalmengesang und Gebeten, mehrmals im Jahr Abendmahlsfeier, Abschaffung von Altären, Kerzen, Bildern, Beichte. Größten Wert legte er auf Sittenzucht. Er ging von der Gemeinde als der von Gott gestifteten und die Kirche tragenden Institution aus, die Pastoren, Lehrer, Diakone und Älteste wählt (s. heutige Kirchgemeinde in der Schweiz, die sogar in der kath. Kirche ihre Pfarrer wählt). Sein Hauptwirkungsort war Genf. Er legte eine rigorose Strenge an den Tag und verhängte in fünf Jahren 56 Todesurteile und 78 Verbannungen. Er warf katholischen Fürsten Intoleranz gegen die Reformierten vor und verlangte von den protestantischen Herrschern die Ausrottung des Katholizismus. Er lehrt: Der Glaube hat sich in einem guten christlichen Leben durch Wohlstand zu bewähren; dies ist die Grundlage für die Gewißheit der Erwählung zum ewigen Leben. Das Auserwählungsbewußtsein ist für die Anhänger Calvins die stärkste Antriebskraft im täglichen Leben. Wer nicht danach lebt, hat die Erwählungsgnade nicht und ist von Gott verworfen. Diese Lehre bezeichnet die Theologie als Prädestination. Der hl. Franz von Sales (1567-1621) hat durch seine Predigt die Ausbreitung des Calvinismus in Genf und in seinem Bistum Annecy bekämpft.

Was geschah im Zeitalter der Reformation in England?

Heinrich VIII. (1509-1547), der in seinen jungen Jahren vom Papst den Ehrentitel „Defensor fidei“ (Verteidiger des Glaubens) erhalten hatte, wollte sich von seiner Frau Katharina von Aragon scheiden lassen, weil er von ihr nicht mehr den erhofften Thronfolger erwartete; denn die drei Knaben, die er von Katharina hatte, starben im Kindesalter. 1531 verbot Papst Clemens VII. dem Parlament und allen anderen Instanzen bei Strafe des Bannes, die Ehe des Königs zu lösen oder für nichtig zu erklären. Dagegen wurde in der „Suprematsakte“ von 1534 der König zum alleinigen irdischen Oberhaupt der englischen Kirche erklärt, wodurch der Bruch mit dem Papsttum vollzogen war. Wer den Suprematseid nicht ablegte, wurde hingerichtet. Rund zweihundert Hinrichtungen, darunter die des Lordkanzlers Thomas Morus, fallen in die Verantwortung Heinrichs VIII. Damit wurde die Kirche in England zur von Rom getrennten Anglikanischen Staatskirche.

Welche Persönlichkeiten haben die Kirche nach der Reformation wieder aufgebaut?

Dieses Werk ist bedeutenden  Heiligen zu verdanken: Karl Borromäus (1560-1584), der o.g. Franz von Sales, aber auch Ordensgründer wie Ignatius von Loyola (1491-1556), dessen Mitarbeiter Petrus Canisius  (1521-1597), Johannes vom Kreuz (+ 1591),  Theresia von Avila (+1582), Angela Merici (+1540) und viele andere. Für Deutschland besonders wichtig ist das Wirken des hl. Petrus Canisius, der mit sicherem Blick erkannt hat, daß die Menschen wegen fehlenden Glaubenswissens massenhaft von der Kirche abgefallen waren. Daher leitete er die „Gegenreformation“ ein. Sein wichtigstes Werkzeug war der „Katechismus“.

Wie kam es zu Ketzerverfolgung und Hexenwahn?

Gewissensfreiheit im Sinne der Wahlfreiheit der Religion ist dem damaligen Zeitalter fremd. Dies widersprach dem absoluten Wahrheitsbegriff und der religiös-politischen Einheitskultur. Zu allen Zeiten hat es aber in der Kirche Häretiker gegeben. Nach der Reformation bildeten sich geschlossene religiös-kirchliche Körperschaften heraus, deren Glieder nicht mehr als nur einzelne ungehorsame Angehörige der einen großen Kirche betrachtet werden konnten. Durch das Religions-Bestimmungsrecht der Landesherren wechselten die Bewohner eines Landstriches u.U. mehrmals die Konfession. In Deutschland richteten sich die Verfolgungen seitens der katholischen Kirche zumeist gegen die „Wiedertäufer“, weil man sie als sozialrevolutionäre Störenfriede sah. Es sind aber nachweislich nur wenige hingerichtet worden (in Köln neun). In evangelischen Ländern ist die Verfolgung der Täufer härter und die Zahl der Hinrichtungen größer gewesen. Der Hexenwahn ist als Massenpsychose einzustufen. Auch Luther, Calvin und die anderen Reformatoren glaubten an die Existenz von Hexen und bekämpften sie mit Feuer und Tod. Zwischen 1590 und 1630 erreichte der Wahn seinen Höhepunkt. (Letzte Verbrennung: Posen 1793)

Was geschah nach der Reformation im Zeitalter der Weltmission?

Die Kirche hat von ihrem Herrn den Auftrag der Missionierung erhalten. Kirche ist ohne Mission nicht denkbar. Ohne sie wären wir alle noch Heiden. Die Kirche war oft in Gefahr, sich mit dem Kulturkreis, in dem sie missionierte, zu identifizieren. Das ist zu vergleichen mit der Anpassung an den Zeitgeist heute. Im Zuge der Weltentdeckung und -eroberung (Vasco da Gama, Kolumbus u.a.) und damit der Verkehrserschließung in die „Neue Welt“ fühlten sich Menschen wie Franziskus Xaverius (1506-1552) berufen, das Wort Gottes den Menschen zu verkünden, von denen man in der „Alten Welt“ bislang keine Ahnung hatte. Da die Missionare z.B. den Eroberern (Conquitadores) nach Südamerika folgten, sahen die Indios sie als deren Interessenvertreter an. Eine ungenaue oder bewußt verdrehende Geschichtsschreibung berücksichtigt nicht, daß viele Missionare von ihren eigenen Landsleuten - zumeist Spaniern - umgebracht wurden, weil sie sich gegen die Ausbeutung der Indios durch die Eroberer wandten, z.B. Bartholomé de las Casas als bekannte Persönlichkeit. Dies geschah noch im letzten (20.!) Jahrhundert in Brasilien, wo Großgrundbesitzer katholische Geistliche ermorden, die die Rechte der Ureinwohner zu verteidigen suchten, z.B. den Salesianerpater Lunkenbein.

  Welche Folgen hatte die Reformation außer dem Dreißigjährigen Krieg?

Nach dem Trienter Konzil, auf das später einzugehen sein wird, folgte für die Kirche eine Epoche stärkerer Konzentration. Die Kirche wurde sich mehr und mehr ihres eigentlichen Auftrages bewußt. Das drückte sich sowohl in der Lehre als auch in der innerkirchlichen Verwaltung aus. Im 17. Jh. entstanden neue antikirchliche Gegenkräfte: Gallikanismus, Staatsabsolutismus, Jansenismus und Episkopalismus. Der Gallikanismus nahm für den französischen König das Recht in Anspruch, Nationalkonzilien einzuberufen, die das Recht haben sollten, Erlasse des Papstes von dessen Zustimmung abhängig zu machen. Der Staatsabsolutismus griff rücksichtslos in die kirchlichen Angelegenheiten ein. Der Jansenismus lehrte eine einseitig überspitzte Erbsünden- und Gnadenlehre, eine calvinistische Prädestinationslehre in katholischem Gewand. Die Vertreter des Episkopalismus setzten dem römischen Zentralismus des Papstes die Eigenständigkeit ihres bischöflichen Amtes entgegen. Dem Papst sollte nur noch eine eingeschränkte Leitungsgewalt zustehen. An die Stelle der einen Kirche müsse eine Vielzahl an Nationalkirchen treten. Diese Lehre gefiel manchem weltlichen Herrscher, der für sich die Möglichkeit sah, sich an die Spitze einer solchen Nationalkirche zu stellen, z.B. Kaiser Joseph II. von Österreich (1780-90), der die absolute Staatshoheit (=Josephinismus) dazu benutzte, eigenmächtige Reformen durchzuführen.

  Was bedeutet „Aufklärung“?

Aufklärung ist eine Auffassung, die die menschliche Vernunft als Freiheit des Geistes für absolut erklärt und im Namen dieser Freiheit jede (sittliche) Weisung als Bevormundung zurückweist. Ein bekannter Vertreter ist z.B. der Philosoph Leibniz (1646-1716). Als besondere Leistung behauptet die Aufklärung für sich die Erkämpfung der allgemeinen Menschenrechte, die erstmals in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 und in der französischen Nationalversammlung 1789 deklariert wurden. Hinsichtlich der Kirche wurde mit der Aufklärung die These vertreten, eine Offenbarungsreligion wie das Christentum  widerspreche der Freiheit des Geistes. Die Religion solle ein rein humanitärer Bildungsfaktor sein, an die Stelle der Religion solle die Bildung treten. In Frankreich gebärdete sich die Aufklärung besonders antikirchlich; als wichtigster Vertreter dieser Richtung ist Voltaire (+1778) zu nennen. Er forderte für die Kirche die Zerstörung („Vernichtet die Unverschämte!“ [Infame]). Im Zuge der Aufklärung bildeten sich in ganz Europa Freimaurerbünde, sog. „Logen“, die Strategien zur Vernichtung der Kirche entwickelten. 1717 gründeten mehrere Logen die Großloge von London. Dieses Datum gilt als Gründungsdatum der organisierten Freimaurerei, die in der Folgezeit durch eine Reihe  Päpste verurteilt wurde. Besonders erschütternd ist, daß Priester und Bischöfe im Ungehorsam gegen Papst und kirchliches Lehramt von Beginn an Mitglied der  Freimaurerei wurden trotz offizieller Exkommunikation durch den Papst schon vor der Französischen Revolution.

  Welche Päpste wandten sich gegen Aufklärung und Freimaurerei?

Klemens XII. mit seiner Bulle „In eminenti“ (1738), ders. In einem „Geheimbrief“, Benedikt XIV. (1751) spricht eine Verurteilung aus, Klemens XIII. (1766) in „Der Feind alles Guten“, Klemens XIV. (1769) in der Bulle „Cum summi apostolatus“, Pius VI. (1775) in „Die Sekten des Verderbens“ und verschiedenen Ansprachen (z.Zt. der Franz. Revolution!), Pius VII. in der Enzyklika „Ecclesiam“ (1821), Leo XII. im Apostolischen Brief „Quo graviora“ (1826), Pius VIII. (1829) in „Geheimgesellschaften der Aufrührer“, Gregor XVI. forderte (1846) den Schriftstellere Crétineau-Joly auf, eine „Geschichte der Geheimgesellschaften“ zu schreiben, Pius IX. spricht mehrfach ernsthafte Warnungen gegen die Geheimgesellschaften aus, Leo XIII in seiner Enzyklika „Humanum Genus“ (1884), Pius X. führt (1910) den „Antimodernisteneid“ ein und nimmt (1907) in der Enzyklika „Pascendi“ eindeutig Stellung gegen „Feinde ... im Innern und im Herzen der Kirche“. Auch Pius XI. und XII. haben sich in Ansprachen und Schriften gegen die Freimaurerei gewandt.