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Grundwissen Kirchengeschichte – Kirchliche Neuzeit, 1. Teil

Wie stand es um die katholische Kirche vor der „Reformation“?

Es gab Auswüchse im religiösen Leben, die sich in einer ungesunden Heiligen- und Reliquienverehrung äußerten. Das führte zu Wundersucht und Abergläubigkeit bis hin zu einem krankhaften Hexenwahn. Doch das persönliche Versagen einzelner scheint eine Folge der Gesellschaftsstruktur der Zeit gewesen zu sein. (s. hierzu und zum Folgenden: Kleine Kirchengeschichte, Herder TB 1577) Es gab aber auch positive Werte in der Zeit. Es entstanden zahllose Stiftungen, Hospitäler, Armenhäuser und Siechenheime. Die Religiosität erscheint allerdings sehr oft mit mancherlei anderen Interessen vermischt. Luther kam den politischen und Besitzinteressen der Herrschenden wie gerufen. Die Reformation war keineswegs eine rein religiös-kirchliche Angelegenheit. Der Ruf nach innerkirchlicher Reform war zwar allgemein verbreitet, als aber Luther die Reformation ausrief, nahmen die Fürsten dies zum Anlaß des allgemeinen Aufruhrs gegen die Kirche und das Papsttum.

Was ist der Kern der lutherischen Häresie?

Luther stützte sich auf Theologen vor ihm, z.B. Wilhelm von Ockham (1290-1349), der die geoffenbarte Hl. Schrift als einzige Quelle des Glaubens ansah. Luther machte daraus das Sola-scriptura-Prinzip: nur was in der Hl. Schrift geoffenbart sei, sei auch verbindlich.

Hinzu kam bei ihm die Ansicht des Sola-Fide: nur durch den Glauben sei der Mensch gerechtfertigt. Alles gipfelte im Sola-gratia-Prinzip: der Mensch lebe allein aus der Gnade Gottes. Die Ausschließlichkeit (sola = allein) machte seine Lehre häretisch. Sie veranlasste ihn zu der Auffassung: „Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer.“ Doch dieser Satz  ist nicht biblisch und steht folglich nicht in der Hl. Schrift.

Woran entzündete sich der innerkirchliche Streit?

Anlass, aber nicht Grund des Streites war die Ablasspredigt des Dominikanerpaters Tetzel. Als dieser für seine leichtfertige Verknüpfung von Geld und Ablass gerügt wurde, änderte er seine Predigt im Sinne der kirchlichen Lehre. Gleichwohl meinte Luther, gegen ihn vorgehen zu müssen. Der eigentliche Grund der Reformation war, dass der Mainzer Erzbischof mit der Ablasspredigt Geld verdiente. Als er wegen Luthers Eingreifen kein Geld mehr bekam, klagte er ihn in Rom wegen Häresie an. Da Luther im Kurfürsten Friedrich d. Weisen von Sachsen einen Gönner und Schützer hatte, erreichte er, dass ihm der Prozess nicht in Rom, sondern in Deutschland gemacht wurde. Im Vertrauen auf diese Schutzmacht wurde Luther immer selbstsicherer gegen die Vertreter der Kirche, die ihn in die Kirche zurückholen wollten. Es ging nicht mehr um den Ablassstreit, sondern um den Angriff auf die Kirche.

Wie entwickelte sich die Reformation in Deutschland?

Luther wurde auf dem Reichstag zu Worms im April 1521 mit der kaiserlichen Acht belegt. Unter dem Schutz Friedrich d. Weisen verfasste Luther auf der Wartburg seine Schriften, die weiter die Spaltung der Kirche betrieben. Priester heirateten, Ordensleute verließen ihre Klöster, ganze Gemeinden, Städte und Adelshäuser traten geschlossen auf die Seite Luthers, so daß sich der Slogan entwickelte: Wessen Herrschaft, dessen Religion. Da es trotz des Bemühens Kaiser Karl V. 1530 auf dem Reichstag in Augsburg nicht zur Einigkeit der zerstrittenen Teile der Kirche kam - Luther lehnte jedes Gespräch grundsätzlich ab und berief sich auf ein Konzil -, nannten sich die Abgespaltenen seit dieser Zeit „Protestanten“. 1555 kam es zum Augsburger Religionsfrieden: Katholiken und Lutheraner sollten in Deutschland künftig gleichberechtigt nebeneinander stehen. Luther hatte mit seiner Schrift „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“ (1545) den Bruch mit der Kirche endgültig vollzogen. 1546 starb er.

Wie wirkt sich Luthers Ansicht über das Papsttum bis heute aus?

Natürlich kann man nicht alle Protestanten als papstfeindlich deklarieren. Die Grundeinstellung ist den Protestanten von Luther aber vermittelt worden. Da die Spaltung nun schon fast 400 Jahre dauert, sind die Chancen zu einer ehrlichen Wiedervereinigung eher gering einzuschätzen. In seiner Schrift „Ökumene katholischer Vorleistungen“ listet Friedrich-Wilhelm Schilling v. Canstatt auf, worauf die katholische Kirche in ihrer Lehre bereits verzichtet hat, ohne dass diesem Verzicht vergleichbare Schritte der evangelischen Kirche  entsprechen.