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Grundwissen Kirchengeschichte – Die kirchliche Gegenwart

Welche entscheidenden Entwicklungen bestimmen das Leben der Kirche nach Pius IX.?

Noch unter Pius IX. erließ Bismarck einige Gesetze gegen die katholische Kirche: 1871 Kanzelparagraph, 1872 Schulaufsichts- und Jesuitengesetz, 1873 Maigesetze (Ausbildung und Anstellung der Geistlichen, kirchliche Disziplinargewalt und erleichterter Kirchenaustritt), 1874/75 Einführung der obligatorischen Zivilehe, 1875 Aufhebung aller Klöster und Ordensniederlassungen in Preußen und „Brotkorbgesetz“ (Sperrung aller Pflichtleistungen des preußischen Staates an die Kirche als Ausgleich für die Enteignung in der Säkularisation). Trotz all dieser Maßnahmen wuchs das katholische Volk enger zusammen, so daß Bismarck 1880 mit dem Abbau der Kulturkampfgesetze begann.

Mit dem Verlust der äußeren Macht wuchs das moralische Ansehen der katholischen Kirche. Die Regierung Leo XIII. (1878-1903) brachte einen stetig anwachsenden Prestigegewinn des Papsttums. Sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. besuchte den Papst 1890 persönlich im Vatikan. Eine der wichtigsten Leistungen dieses Papstes bestand darin, daß er die erste Sozialenzyklika herausgab. Das gesamte 19. Jh. ist vor allem bedeutsam wegen der Konversionen bedeutender Persönlichkeiten wie John Henry Newman, dem späteren Kardinal. Aber auch Heilige wie Johannes Bosco (1815-1888) oder Johannes Vianney (Pfarrer von Ars, +1859) sind hier zu nennen.

Welche Schwerpunkte setzte der hl. Papst Pius X. in seiner Regierung?

Pius X. war ganz und gar Seelsorger, nicht Diplomat wie manche seiner Vorgänger. Ihm ging es besonders um die Reinhaltung des Glaubens, wovon seine Enzyklika „Pascendi“ zeugt. Sie richtet sich gegen den Modernismus in der katholischen Kirche als Hauptübel der Verfälschung der Glaubenslehre. Daher führte der Papst den „Antimodernisteneid“ ein. Pius X. starb, als der 1. Weltkrieg ausgebrochen war, den er zu verhindern gesucht hatte. Benedikt XV. warnte davor, Europa in Sieger und Besiegte aufzuspalten, und billigte nicht den Versailler Vertrag. Sein innerkirchlich wichtigstes Werk war die Veröffentlichung des kirchlichen Gesetzbuches, das schon sein Vorgänger in Auftrag gegeben hatte. Es trat 1918 in Kraft.

Wie entwickelte sich die Kirche in Deutschland?

Gesellschaftspolitisch hatten die Deutschen mit dem Verkraften des verlorenen Weltkrieges zu tun, kirchlich zeichnete sich ein großer Aufbruch ab. 1909 begann die „liturgische Bewegung“ in Mecheln, die Teilnahme an der hl. Messe sollte den Menschen erleichtert werden. Bischöfe und Priester sowie das Volk bemühten sich um ein Leben nach ihrer katholischen Spiritualität. Auch die Ökumene gewann an Bedeutung. Zuerst kam das Gespräch mit der Ostkirche in Gang. Aufgrund der Zunahme der sog. Mischehen wurde das ökumenische Gespräch auch in Deutschland zunehmend wichtig. Die Zeit zwischen den Weltkriegen war durch einen Anstieg an Konversionen vom Protestantismus zur katholischen Kirche gekennzeichnet. Pius XI. hat in seiner Regierungszeit (1922-39) viele Enzykliken erlassen, z.B. 1930 über die christliche Ehe, 1931 (40 Jahre nach der ersten Sozialenzyklika Leo XIII.) über die christliche Gesellschaftsordnung. Besonders lag ihm die „Katholische Aktion“ am Herzen, durch die er die Aufgabe der Laien in der Kirche stärken wollte. Mit dem Abschluß des „Lateranvertrages“ 1929 erlangte der Papst seine volle Souveränität über den kleinen Vatikanstaat. Er wurde auch zum Herausgeber der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937), die sich ausschließlich mit der Situation der Kirche in Nazi-Deutschland befaßte. Obwohl der Papst durch seinen Staatssekretär Pacelli, den nachmaligen Papst Pius XII., 1933 ein Konkordat mit Deutschland geschlossen hatte, konnte er nicht beeinflussen, daß sich Hitler als Vertragspartner an die konkordatären Abmachungen hielt. Er starb vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Die deutsche Kirche unter Pius XII.

Eugenio Pacelli wurde in einem der kürzesten Konklave der Geschichte im 3. Wahlgang zum Papst gewählt und nannte sich Pius XII. Sein Regierungsmotto war: „Gerechtigkeit schafft Frieden“. Als Papst versuchte er den Ausbruch des 2. Weltkrieges zu verhindern, aber seine diplomatischen Bemühungen schlugen fehl. Von antikatholischer Seite wird ihm heute vorgeworfen, daß er nichts zur Rettung der Juden getan habe. Dabei weist die objektive Geschichtsschreibung das Gegenteil nach. Allein in Rom sind auf sein Bemühen hin ca. 800.000 Juden gerettet worden. Da er jahrelang Nuntius in Deutschland, zunächst in München, später in Berlin, war, sprach er ausgezeichnet deutsch. Schon unter seinem Vorgänger begann der Kirchenkampf der Nazis gegen die katholische Kirche infolge von Verboten, die das kirchliche Leben lähmen, später ganz zum Erliegen bringen sollten. Nachdem Hitler zunächst die „Judenfrage“ lösen wollte, sollte nach dem „Endsieg“ die „Katholikenfrage“ gelöst werden. Hitler hat nur wegen des Krieges am Konkordat festgehalten, „nach Beendigung des Krieges werde es mit dem Konkordate aus sein“ (H. Picker, Hitlers Tischgespräche, 1965, 435/437). In die Regierungszeit Pius XII. fallen die Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sowie zahlreiche Enzykliken und Lehrschreiben, Radio- und sonstige Ansprachen, in denen der Papst unermüdlich für die Reinhaltung der Lehre und der Disziplin in der katholischen Kirche kämpft. Auch Teile der Liturgie und die Vorschriften zum Kommunionempfang hat er geändert bzw. erleichtert. Das waren Vorstufen für spätere Änderungen.

Das Pontifikat Johannes XXIII. und das Konzil (Vaticanum II)

Nach dem Tode Pius XII. überraschte der neue Papst die Welt mit der Einberufung eines Konzils, von dem manche mutmaßten, es solle das Erste Vaticanum fortsetzen. Doch im Gegensatz zu diesem bezeichnete sich das Zweite Vaticanum als Pastoralkonzil, erließ keine Dogmen und versuchte ausschließlich, die katholische Lehre für alle Menschen „verstehbar“ zu machen, was Johannes XXIII. mit seinem „Aggiornamento“ angeregt hatte. Unter dem Einfluß bestimmter Kreise, hauptsächlich aus der modernistischen Ecke, haben sich Entwicklungen in der Kirche eingeschlichen, die die Glaubwürdigkeit der Kirche als ganze in Frage stellen. Das ist erkennbar an dem Wildwuchs in der Feier der Liturgie bis hin zu Uminterpretationen der Glaubenslehre bzw. Leugnung von Glaubenswahrheiten, etwa der Auferstehung Jesu. Johannes XXIII. soll, unbestätigten Berichten zufolge, kurz vor seinem Tod 1963 die Anwesenden dringend angefleht haben, das Konzil abzubrechen.

Papst Paul VI. und seine Bemühungen

Paul VI. hat ein sehr undankbares Amt in einer Zeit angetreten, als sozusagen alle Welt im Aufruhr war. Es war die Zeit der klassenkämpferischen 68er, die allen Gehorsam und alle Verpflichtung aus dem Erbe einer gewachsenen Kultur ablehnte. Sämtliche Bemühungen des Papstes, die Kirche wieder zu ihrem eigentlichen Glaubensgut zurückzuführen, schienen fehlzuschlagen. Er mußte sich aus aller Welt Beschimpfungen gefallen lassen. Am meisten ist ihm von den Sexualaufklärern zur Last gelegt worden, daß er die sog. „Pille“ nicht freigegeben hat. Kard. Döpfner, der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, war vom Papst als Leiter einer Arbeitsgruppe beauftragt worden, die anthropologisch-moralischen Aspekte der Freigabe der Pille zu untersuchen. Als diese Arbeitsgruppe dem Papst empfahl, den Gebrauch der Pille zu gestatten, konnte er sich nicht dazu entschließen und schrieb die Enzyaklika Humanae Vitae. Kurz vor seinem Tod soll Kard. Döpfner einem Moraltheologen gegenüber geäußert haben, der Papst könne mit seiner Enzyklika doch Recht gehabt haben, so in einem Leserbrief in der DT.

Das Pontifikat Johannes Paul II.

Nach dem Tode Paul VI. regierte Johannes-Paul I. 34 Tage. Nach ihm wurde Kard. Woityla zum Papst gewählt. Er hat bis jetzt ein Pontifikat der Rekorde hinter sich: an Reisen, Enzykliken, Ansprachen u.v.m., was nicht aufgezählt werden kann. Seine Art, auf alle Menschen zuzugehen, ihre Religion und Kultur ernstzunehmen, hat ihm schon viel Kritik eingetragen. Von protestantischer Seite wird ihm trotzdem der Vorwurf gemacht, der Papst verfolge ausschließlich eine „Rückkehr-Ökumene“, d.h., eine konfessionelle Einigung könne es nur geben, wenn die Angehörigen anderer christlicher Konfessionen in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückkehren. Nachdem unter Pius XI. das Kardinalskollegium schon für Nicht-Italiener geöffnet wurde, hat der jetzige Papst das Gewicht der Kardinäle so verlagert, daß die Italiener nicht (mehr) in der Überzahl sind. Den nachhaltigsten Eindruck jedoch hinterläßt der Papst sicher aufgrund der Tatsache, daß er sein Leiden mit einer Bereitschaft trägt, die Ihresgleichen sucht. Doch sollte man bedenken, daß der Papst hauptsächlich dadurch wirkt, daß er gegen den Zeitgeist an den Glaubenswahrheiten festhält, was vor allem in seinem Zeugnis an Weihnachten und Ostern jeden Jahres deutlich wird. Wichtigstes Ereignis seines Lebens: der Mordanschlag auf sein Leben, der durch das Eingreifen der Gottesmutter nicht verwirklicht wurde.